Eric Huhn
Lessingstraße 6
56220 Urmitz
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120 Jahre Urmitzer Jungesellenverein
nach Hans Reif
Natürlich hat es auch schon vorher Junggesellen in Urmitz gegeben, die ein gewisses Brauchtum pflegten. Dies war eng mit der Kirmes verbunden, die in Urmitz am Sonntag nach dem St.Georgs - Tag (dem 23. April) gefeiert wird. Schon früher waren mit diesem kirchlichem Fest auch weltliche Feiern in mehr oder weniger bescheidenem Umfang verbunden. Gleichzeitig entwickelte sich ein gewisser Brauch, dessen Träger hauptsächlich die jüngeren Einwohner, eben die Junggesellen, waren.
Die erste schriftliche Erwähnung unserer in die kirchlichen Traditionen von Urmitz eingebundenen Junggesellen findet sich in dem Manuale, eine Art Kleinchronik, des Pastors Johann Georg Roth von 1723, wo es heißt:
"Aus alt hergebrachter Gewohnheit ist die Kirche verpflichtet den Junggesellen, die die St.Georgsstatue bei den Prozessionen tragen, und den Jungfrauen, die den Reliquienschrein getragen haben, Wein zu spendieren. Insgesamt erhalten die Junggesellen 2 Quadranten Wein oder 8 Amphoren. Diese Portion pflegen sie aufzuteilen, damit auch die Kaltenengerser ihren Anteil erhalten."
Zwei 2 Quadranten entsprechen etwa 80 Liter. Auf acht Träger und Trägerinnen entfielen also je 10 Liter. Wenn man eine Ablösungsmannschaft annimmt, waren es immer noch 5 Liter pro Kopf. Damals waren unsere Junggesellen und Junggesellinnen ebenso trinkfest wie heute. Die Beteiligung der Kaltenengerser ergibt sich aus der Zugehörigkeit zur Pfarrei Urmitz (bis 1869).
Bei dem gemeinsamen Verzehr der Weinspenden scheint es nicht zimperlich hergegangen zu sein. Schon 1723 beklagt der Pastor die im Übermaß getriebene Kurzweil der Jugend beiderlei Geschlechts, die von den Bürgern begünstigt wurde.
Trotz der beklagten Ausgelassenheit erfüllte die Pfarrei auch weiterhin ihre traditionelle Verpflichtung. So weist die Kirchenrechnung von 1726 sieben Taler und neun Silbergroschen aus, für die ,,denen Chorsängern und denen so in processione das Jahr durch Bild und reliquiarum Kasten tragen", Wein spendiert wurde. Der Posten wiederholt sich mit leichten Variationen auch in späteren Jahren.
Ob die Weinspende damals schon aus den Erträgnissen des sogenannten ,,Jörjestöcks", des St.Georgsstücks am Grenzgraben an der Urmitz-Kaltenengerser Gemarkungsgrenze, finanziert wurde, ist unsicher. Doch wird schon - oder noch - 1788 ,,ein Georgenstückland zu 2 1/2 Malter", etwa einem Hektar entsprechend, erwähnt. Altbürgermeister Peter Häring erinnerte sich an ein altes Kirchenfeld mit der Auflage, aus dem Pachtertrag (damals 90 Mark) den Junggesellen Wein zu spendieren. Von anderer Seite wird berichtet, ein Junggeselle der verwundet aus dem Krieg 1870/71 heimgekehrt sei, habe etwa 1872 der Kirche ein Stück Land mit den gleichen Auflagen vermacht. Hier scheinen Erinnerungen an ältere und jüngere Stiftungen zusammengeflossen zu sein.
Sei dem wie ihm wolle, die Pfarrei hält sich auch heute noch getreu an ihre alte Verpflichtung. Sicher ist der Brauch des St.Georgstragens und des dafür spendierten Umtrunks älter als die Stiftung des ,,Jörjestöcks". Aber da der Wein aus den Lesen der Pfarrweingüter genommen wurde und die Pfarrei noch andere Spendenverpflichtungen hatte, z.B. an Schulmeister, Sendschöffen und Chorsänger, wollte der bis jetzt unbekannte Stifter mit seiner Auflage wohl sicherstellen, daß die St.Georgsträger, heute noch ,,Schorschjungen" genannt, auch in schlechten Weinjahren nicht zu kurz kamen.
Während das Mitführen von der St.Georgsfigur in der Kirmesprozession ein uralter kirchlicher Brauch ist, erscheint das heutige weltliche Wahrzeichen, der Kirmesbaum, erst 1920. Anton Häring, geb.1904 in Urmitz, erzählte daß der erste Kirmesbaum vom Jahrgang 1898 unter Anführung von Johann Berend aus dem Bassenheimer Wald geholt worden sei. Die Schulchronik berichtet zum 25.März 1920:
,,Kirmes! - Ein Ding das man 6 Jahre nur noch dem Namen nach kannte."
Daher mußte in diesem Jahr die Kirchweih doppelt gefeiert werden. Am Samstagabend wurde der große Kirmesbaum von 20 jungen Burschen, mit Bauemkittel bekleidet durch das Dorf getragen und dann unter den Klängen der Musik aufgestellt Ein Tanzkränzchen schloß den Abend. Der Trubel auf dem Kirmesplatz wuchs am Sonntag von Minute zu Minute, und die 3 Tanzsäle konnten am Sonntag und Montag die Tanzlustigen nicht fassen. Selbst am Dienstag war das Gedränge noch groß.
Das Böllern mit den ,,Katzenköppen" war als militärische Regung nach dem 1 Weltkrieg noch 1924 von der französischen Besatzungsmacht verboten. Als nach dem 2.Weltkrieg 1948 die erste Kirmes wieder gefeiert werden sollte, wurde von der französischen Besatzung schon das bloße Mitführen der "Katzeköpp" ohne Pulver als Provokation empfunden und sogar die ganze Kirmes in Frage gestellt.
Nach dem 2.Weltkrieg kam - zum ersten Mal bei der Kirmes 1949 - die Sitte der Eierkrone auf, die etwa in halber Höhe des Baumes an einem eisernem Tragegerüst angebracht wird. Bei der Motivwahl, die bis zur Aufstellung des Baumes, geheim gehalten wird, entwickeln die Junggesellen eine erstaunliche Fantasie. Bis heute hat sich kaum ein Motiv wiederholt. Meist wird die bildliche Darstellung, aus tausenden ausgeblasener, bunt gespritzter Eierschalen kunstvoll zusammengefügt, unter ein bestimmtes, passendes Motto gestellt. 1985 war es z.B. ein Segelboot, mit dem Motto:
,,Wir sitzen alle in einem Boot"
Der Verein sieht seine Aufgabe darin,
,,dafür zu sorgen, daß das Kirchweihfest mit Humor und Fröhlichkeit nach alter Tradition gefeiert wird."
Mitglied ist jeder Urmitzer Junge, der Schießjunge war. Zugezogene müssen 2 Jahre in Urmitz gewohnt haben. Ein Mitgliedsbeitrag ist nicht festgesetzt, doch besagen spätere Eintragungen, das ein Einstand erhoben wurde.
An jedem Ostermontag (seit 1971 am Ostersonntag) ist die Jahreshauptversammlung, bei der der Kassenbericht vorgelesen, die Fahne versteigert und der Vorstand neu gewählt wird. Der Vorstand besteht aus dem 1. und 2. Vorstand, die sich seit 1955 ,,Vorsitzende" nennen, dem Schriftführer und dem Kassierer. Alle Vereinsmitglieder bilden das sogenannte Komitee, aus dem noch der Zugführer (Anführer des Kirmeszuges), die Nebenfähnriche, die Kellner und die Mädchenabholer gewählt werden.
Die ,,Abholer oder Einlader" im dunklen Anzug mit Schärpe, Papierrosette und weißen Handschuhen schwärmen aus und holen aus jedem Haus die Mädchen heraus und bringen sie zum Festzug. Die Eltern werden von den ,,Kellnern" in weißen Jacken und Handschuhen, mit einem Glas Wein bestochen. Seit 1963 ist dieser Brauch aufgegeben. Im Zeichen der Frauenemanzipation waren die Mädchen es leid geworden, von den mehr oder weniger angeheiterten Junggesellen eingesammelt zu werden. Sie wollten selbst entscheiden, ob und mit wem sie zum Tanzsaal gehen wollen.
Der Fähnrich wird nicht gewählt, sondern erhält seine Funktion durch den Zuschlag bei der Fahnenversteigerung. Seit 1967 treten im Zeichen der fortgeschrittenen Emanzipation auch ,,Schießmädchen" auf, während Frauen in das "Komitee" noch keinen Zutritt gefunden haben.
Im Laufe der Jahre - bestimmte Daten sind nicht mehr feststellbar - hat sich der Brauch herausgebildet, das sich die ,,Schorschmädchen" und ,,Schorschjungen" aus den Neunzehnjährigen rekrutieren und im folgenden Jahr zu ,,Schießmädchen" und ,,Schießjungen" aufsteigen. Danach können die Jungen nur noch beim ,,Komitee" aktiv werden.
Ohne die Junggesellen ist unsere Kirmes nicht denkbar, ohne ihre Aktivitäten würde sie in ein von der Dorfgemeinschaft nicht mehr mitempfundenes, kirchliches Heiligenfest und einen weltlichen Rummelbetrieb zerfallen und schließlich verkümmern.